Wir wollten uns in einem Lokal treffen, erst etwas essen - nachdem ich gesagt hatte, dass ich arbeitslos bin, hat er mich sofort zum Essen eingeladen - und dann nachher noch zu ihm gehen. Vielleicht auch vorher gemeinsam noch etwas anderes unternehmen; in einer Stadt wie unserer gibt es ja für schwule Männer viele Möglichkeiten, Spaß zu haben, und ich kenne mich da ziemlich gut aus.
Ich war eine Viertelstunde zu früh und saß bereits an einem Zweiertisch.
Auf einmal kam jemand herein, den ich kannte - meinen früheren Kollegen Ralph. Ich machte mich ganz klein auf meinem Stuhl; ihm wollte ich eigentlich lieber nicht begegnen. Zu sehr war mir noch seine Unfreundlichkeit im Gedächtnis. Allerdings musste ich zugeben, er gefiel mir noch immer extrem gut. Zu schade, dass er nicht schwul war; einen so gutaussehenden Gay umwerben wir Homos alle gerne.
Ralph blickte sich suchend um; offensichtlich hatte auch er wie ich eine Verabredung hier im Restaurant.
Es kam, wie es kommen musst; er entdeckte mich und kam zu mir an den Tisch. Er begrüßte mich, und zwar weit freundlicher, als er jemals im Büro zu mir gewesen war, setzte sich kurz zu mir und erkundigte sich, sogar richtig ernsthaft, wie es mir so geht, was meine Stellensuche macht.
Um Punkt acht Uhr schaute er auf seine Uhr und stand wieder auf. "Du, es tut mir leid", sagte er, "ich würde mich gerne weiter mit dir unterhalten, aber ich habe ein Date für acht Uhr. Vielleicht sehen wir uns ja später noch mal."
In diesem Augenblick fielen mir zwei Dinge gleichzeitig auf.
Das erste war, dass mein Gay Date bislang noch nicht eingetroffen war. Und das zweite war Ralphs Stimme.
Ich erkannte sie auf einmal wieder; und zwar nicht nur vom Büro her, sondern auch vom Gay Telefonsex vorgestern, wo der elektronische Apparat bei der Übertragung den Klang einer Stimme ganz schön verändern kann. Deshalb war ich ja vorher auch nicht auf den richtigen Trichter gekommen.
Ja, da saß ich nun, hatte auf einmal den heißen Verdacht, dass niemand anderer als ausgerechnet Ralph mein Gay Date war, und wusste überhaupt nicht, was ich nun sagen sollte.
Einen Augenblick lang war ich versucht, die Sache auf sich beruhen zu lassen und ihm gar nichts zu sagen. Er wusste ja nicht, dass ich ebenfalls auf irgendjemanden wartete, und schon gar nicht, dass ich, was ich ja bisher auch nicht geahnt hatte, auf ihn wartete. Sollte er doch einfach denken, der süße Gay Boy vom Homo Telefon hätte ihn versetzt.
Aber andererseits wollte ich nicht, dass er mich für unzuverlässig hält. Und was hätte ich ihm erklären sollen, wenn er mich vielleicht wieder anrief, um nachzufragen, ob mir etwas dazwischengekommen war?
Außerdem - eine solche Gelegenheit musste ich nutzen; sie kam so schnell bestimmt nicht wieder.
"Du, Ralph", begann ich zögernd, "kann es sein, dass du deine Verabredung gestern Abend im Chat getroffen hast?"
Forschend sah er mich an. Ich nahm all meinen Mut zusammen und ergänzte: "In einem Gay Chat vielleicht?"
Zuerst öffnete er seinen Mund in ungläubigem Staunen, dann huschte ein breites Grinsen über sein Gesicht. "Jetzt sag nicht, das warst du!" sagte er.
Sein schallendes Lachen machte alle im Lokal auf uns aufmerksam; und als er sich dann erneut zu mir setzte, mich an sich zog und mir vor aller Augen einen leidenschaftlichen Kuss verpasste, waren wir eine Weile lang Gegenstand von viel eifrigem Getuschel.
Aber ich hätte liebend gerne noch ganz andere Dinge ertragen, um endlich mit ihm zusammen sein zu können.
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